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Ankommen in der eigenen Präsenz

  • Autorenbild: Anna-Lena
    Anna-Lena
  • 17. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 20. Juni

Ankommen in der eigenen Präsenz

Über den Leib, der unserer Identität voraus tanzt

Angeregt durch die Choreografie BODILY ME - BODILY US von Steptext



„Der Leib geht unserer Identität voraus“ erinnert zurecht an den Wahlspruch französischer Existentialisten*innen. Sartres berühmtes Diktum, Die Existenz geht dem Wesen voraus, aus seinem Vortrag Der Existenzialismus ist ein Humanismus wurde quasi zum Titel der gesamten existentialistischen Strömung des letzten Jahrhunderts. Dabei verbirgt sich hinter diesem vermeintlichen Konsens ein jeweils stark differenziertes Verständnis über das Primat unserer Existenz. Während Sartre davon überzeugt ist, dass wir unser Wesen erst durch unsere Existenz selbst kreieren, zeigen Phänomenologen*innen wie Edmund Husserl sowie Maurice Merleau-Ponty, dass unser Leib das Fundament unserer Existenz bildet und das dieser bereits unser vor-reflexives Wesen beschreibt.

Platt gesagt: Nach Sartre greifen wir nicht zu einem Glas Wasser, weil ein biologischer Durst uns zwingt, sondern weil wir dem physiologischen Reiz eine Bedeutung beimessen und das Glas Wasser uns im Rahmen unseres Entwurfs dazu auffordert. Mit ihm sind wir anfangs substanzlos und erschaffen eigenmächtig unsere Subtanz. Körpereigene Gefühle, wie Durst, Hunger, Wärme oder Kälte, sind für Sartre keine determinierenden Bedingungen unserer Natur, sondern bloß Resultate, die unser Bewusstsein erst konstituiert. Sartres Perspektive widerspricht damit nicht nur biologischen Tatsachen, sondern vor allem unserem alltäglichen Körpererleben.

Sartre inszeniert eine vermeintliche Radikalität, indem er postuliert, der Mensch sei zur Freiheit verdammt und stehe permanent in der absoluten Selbstverantwortung. Bei genauerer Betrachtung flüchtet dieser Ansatz jedoch paradoxerweise vor unserer phänomenalen Erfahrungswirklichkeit und damit vor der Realität des konkreten Individualismus. Ein wahrhaft radikaler Individualismus liegt eben nicht in der idealistischen Abstraktion eines substanzlosen Bewusstseins, sondern vielmehr in der nüchternen Anerkennung unserer leiblichen und natürlichen Lebenswelt. Sartres Ansatz führt folglich nicht in die versprochene Befreiung und authentischen Selbstverantwortung, sondern manövriert das Individuum paradoxerweise in eine existentielle Sackgasse der Isolation. Es kreiert ein solipsistisches Privatdenken, das sich selbst als getrenntes, substanzloses Fundament begreift und sich damit unüberbrückbar von der Welt und den anderen abschneidet. Freiheit wird hier nicht als schöpferisches Miteinander, sondern als permanenter Abwehrkampf gegen die Objektivierung durch den Anderen verstanden. Wie kommt es, dass Sartres Philosophie trotzdem so reizvoll ist?

Wenn Friedrich Nietzsche, der nunmal als Wegbereiter vom Existentialismus gilt, Sartre hätte lesen können, würde er ihm wohl antworten, dass er seinem Geist der Schwere folgt. Er würde ihm zurufen: „Hinter deinen stolzen Gedanken und Gefühlen, mein Bruder, steht ein mächtiger Gebieter, ein unbekannter Weiser - der heisst Selbst. In deinem Leibe wohnt er, dein Leib ist er“.

Das, was Sartre als Tabula rasa und strukturelle Leerheit deklariert, ist in Wahrheit kein ontologisches Nichts, sondern bloß eine fundamentale, große Unbekannte. Es ist ein ur-menschliches Bedürfnis unseres Geistes, dieses existentielle Vakuum krampfhaft mit rationalen Erklärungen zu füllen. In diesen begrifflichen Konstrukten suchen wir Orientierung - einen vermeintlich sicheren Hafen, der uns der Illusion hingibt, das leibliche Kreuz unserer Existenz leichter tragen zu können. Doch jede dieser rationalen Abstraktionen, die sich diktatorisch über unsere unmittelbare Erfahrungswelt erhebt, manövriert das Denken letztlich in den Absolutismus einer jenseitigen Abgeschiedenheit. Sie verkennt, dass am Ende jeder philosophischen Kausalkette ein tautologisches, unauflösbares „Warum“ verbleibt.

Es bleibt das große Paradoxon des 20. Jahrhunderts: Während ausgerechnet Sartres solipsistisches Credo zum populären Wahlspruch einer ganzen Epoche wurde, bot die phänomenologische Bewegung den eigentlichen radikalen Befreiungsansatz - eine Strömung, in der der Leib ganz in Nietzsches Sinne wieder als die „große Vernunft“ erkannt wird und der Geist sich nur als ein Etwas am Leibe entlarvt, das uns bestenfalls ein nützliches Werkzeug werden kann.

Dieser Geist der Schwere, von dem Nietzsche schreibt, hat sich über die Jahrhunderte hinweg als absolutistischer Herrscher über die Menschheit ermächtigt und ist dem Leib entwachsen. So leben wir in dem Irrglauben, in der Illusion, wir könnten nicht nur entscheiden, wer und was wir sind, sondern auch, wie wir sind. Aber nicht unser Denken schafft die Bedingungen unserer Möglichkeiten, sondern unser Leib - und in diesem da  ist unser Denken unmittelbar schon involviert. Wenn wir, wie Sartre, glauben, dass das Denken unsere Welt entwirft, dann werden wir immer wieder Sätze sagen wie: „Das, was ich gesagt oder getan habe, war gar nicht ich. In Wirklichkeit bin ich ganz anders.“

Tatsache ist jedoch, dass die Wirklichkeit immer nur hier, im unmittelbaren Jetzt gegenwärtig ist. Es gibt keine andere Wirklichkeit, die früher oder später existiert; sie lässt sich weder wiederholen noch ausdenken. Jeder Verkehrsunfall beweist, dass wir immer schon mittendrin sind und nicht erst ankommen müssen. Wir beeinflussen die Wirklichkeit ununterbrochen, ob uns das bewusst oder unbewusst ist. Nur weil wir geistesabwesend sind, mit unseren Gedanken woanders verweilen oder andere Absichten verfolgten, heißt das nicht, dass wir in Wirklichkeit ein anderer Mensch sind als der, der wir gegenwärtig sind. Es bedeutet auch nicht, dass wir dadurch weniger an der Wirklichkeit teilnehmen - trotz geistiger Abwesenheit verursachen wir Verkehrsunfälle. Und trotz all unserer Pläne gewinnt doch immer wieder das Unerhoffte: die große Unbekannte des Lebens. Wir haben es nicht in der Hand, weder die Zeit noch das Leben. Es gibt kein Zeitkonto. Wir sind besitzlos, weil wir in der Zeit sind und durch das Leben existieren - und nicht andersherum. Nicht unser Denken oder Bewusstsein erschafft das Leben, sondern das Leben erschafft uns. Was jedoch in unserer Hand liegt, ist unser Denken: worauf wir es richten und wie es verwenden.

Vor der Tatsache, dass jedes Ergründen letztlich zu offenen Fragen führt, erscheint es mir fruchtbar, wenn wir aus unserem mohnblumigen Denken aufwachen, das sich eine perfekte oder bessere Welt erträumt. Dies gelingt, indem wir uns selbst beobachten - frei von den Bedeutungen, die wir den Dingen unserer phänomenalen Erfahrungswirklichkeit künstlich überstülpen. Es gilt, nüchtern zu betrachten, wer wir sind, und sich der eigenen Werte bewusst zu werden, ob die nun den Prägungen der Erziehung entstammen oder nicht. Es wird Zeit, dass wir erwachsen werden, uns vom Geist der Schwere unserer Vorgänger*innen lösen und unsere Prägungen, Egos sowie Über-Ichs nicht mehr als etwas betrachten, das uns von unserem Selbst trennt. Wir sind immer schon je wir selbst. Nietzsche schreibt, dass das Ich zwar „ich“ sagt, aber das Selbst „ich“ tut. Damit weist er uns darauf hin, dass wir uns im Reden verlieren. Wir zerreden unsere Leiblichkeit. Denn sie sind nichts weiter als begriffliche Ideen. Sie sind nicht das, was uns die Erfahrungswirklichkeit tatsächlich erleben lässt. Vielmehr sind sie Werkzeuge, die unser Erleben spiegeln - eine Metapher für das, was Leben heißt: ein bloßer Schein vom Schatten, der eben noch gerade präsent war. Schließlich ist das „Jetzt“ im Moment des Aussprechen immer schon vorbei, zu spät.

Unsere einzige Befreiung, um wirklich in der eigenen Präsenz anzukommmen, liegt in dem Gewahrsein und Anerkennen, was gerade ist bzw. läuft. Nicht in der Feindschaft gegenüber uns selbst, den anderen und der Welt. Nicht in einem Wunschdenken, das sich ideale Paradigmen ausmalt, was es gebraucht hätte, um „wirklich ich“ zu sein. Wir sind immer schon mittendrin. Wir werden es erst dann begreifen, wenn wir uns selbst in unserer gegenwärtigen Dynamik endlich ansehen und zuhören - ohne Einmischung, ohne den Zwang, etwas verändern oder „besser“ machen zu wollen. Wir müssen uns nicht erst ergründen, um endlich da zu sein. Wir sind schon immer endlich gewesen. Und daher sind wir auch schon immer unser Optimum an Selbstheit.


Bild von Marianne Menke

zum Stück von Of Curious Nature BODILY ME - BODILY US Copyright

 
 
 

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