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Hautnah

  • Autorenbild: Anna-Lena
    Anna-Lena
  • vor 1 Tag
  • 16 Min. Lesezeit

Hautnah

Inspiriert durch das Ensemble Skin Deep von Steptext mit Choreografie von Tú Hoàng und Helge Letonja



Intro

Wir stehen das erste Mal zusammen an einer Klippe genau zwischen der Algarve und der Westküste Portugals. In Sagrez, dem südwestlichsten Punkt von Europa. Wir sind uns nah, obwohl unsere Körper sich nicht berühren. Mir sollte warm sein. Es ist Ende Juli. Die heißeste Zeit in Portugal, wir haben über 40 Grad und 7 Km weiter südlich geht es nicht noch südlicher in Europa. Aber ich habe Gänsehaut. Mir ist kalt.

Wir halten nur kurz. Nur zwischendurch. Wird sind auf dem Rückweg von der Algarve. Wollen zurück an die Westküste. Dahin, wo wir eigentlich waren. Wir fahren einen Leihwagen mit Klima. Unsere Fenster sind geschlossen. Die Landschaft dringt trotzdem zu uns durch. Unendliche Weiten lappen sich vor und rings um uns. Geschmeidig fließt die Landschaft von Ebene zu Ebene, von Tal zu Tal, von Berg zu Berg. Städte türmen sich wie kleine gestrandete Inseln dazwischen.

Es ist klarer Himmel. Das Licht der Sonne reflektiert sich in dem unendlich weiten Meer. Alles so hell als wäre es der längste Mittag. Aber es ist Abend. Die Sonne wird bald untergehen. Wir schaffen es gerade noch kurz vor Sonnenuntergang. Der perfekte Moment, um in Sagrez an der Fortaleza anzukommen. Woher ich das weiß, weiß ich nicht. Ich bin das erste Mal dort.

Wir tragen Shorts und ärmellose Shirts. Er und ich. Ich mag es seine Arme zu sehen. Besonders seine Haut zwischen seiner Schulter und seinem ersten Muskel. Dort macht seine Silhouette eine leichte Senke. Mit meinem Blick streiche ich darüber als würden meine Lippen nur ganz eben darüber gleiten. Mit meinem Blick schmecke ich nicht nur diese Stelle. Mein Blick geht über sich hinaus. Er fühlt wie geschmeidig sich seine Haut über diese Senke spannt. Er spürt wie warm sie ist, wie sie pulsiert, obwohl sie ganz ruhig dar liegt.

Noch sitzen wir im Wagen. Bevor wir aussteigen hier bei der Fortaleza de Sagrez. Hier werde ich bemerken, dass die Ruhe Portugals von der langläufigen Natur geborgen wird. Es ist vor allem ihr Anblick, der das Treiben Portugals beruhigt. Tage wanderte ich schon im Hinterland der Westküste ohne einen Menschen begegnet zu sein, geschweige denn einen zu sehen oder ihn zu hören. Nur ihn. Wir sahen uns jeden Tag. So nah. So nah, dass ich mit meinem Blick weiß wie seine Haut schmeckt. So nah, dass ich an seinem Geruch erkenne, wie warm ihm ist und wie er sich fühlt. So nah, dass ich an seinem Atmen seinen Herzschlag höre. Obgleich wir uns selten anfassen. Wir laufen Wochen unzählige Wanderwege entlang der Küste Portugals ohne das sich jemals unsere Hände ineinander verschränken. Trotzdem spüre ich sie. Seine Hände und meine Hände in Seinen. Trotzdem berühren wir uns. Wir sind uns hautnah. Ja, die Landschaftshaut Portugals bringt mich so nah, dass ich mir selbst manchmal zu nah komme. So nah, dass mir meine eigene Haut zu eng wird. Ein Gefühl, dass mir im Alltag oft abhanden kommt und ich dann über meine Grenzen hinaus gehe.

Vor uns liegt das Meer, es ist unendlich weit. Wir sehen andere, wie sie an den begrünten Steilklippen spazieren. Sie staunen, sie bleiben stehen, sie gehen wieder ein paar Schritte, sie machen Selfies, sie fotografieren die Weite, sie halten die Fortaleza fest. Alles dringt still zu uns in den Wagen. Ein Eindringen von einer unfassbaren Stillen, die aber trotzdem ergreift. Wir atmen zeitgleich noch einmal ohne darüber zu sprechen, dass wir vor unser nächsten Einatmung die Türen vom Wagen öffnen. Wir sprechen sowieso kaum noch miteinander. Zu Anfang als wir uns kennen lernten hatten wir uns viel mehr zu erzählen und zu sagen. Irgendwann sagte es sich von allein und das Erzählen ist eine andere Geschichte. Eine Nähe, bei der ich gerade jetzt posthum merke, dass sie mir unter die Haut geht.

Vielleicht hatte er da doch etwas gesagt. Vielleicht hatte er gefragt, ob wir es wagen sollen auszusteigen. Ja, ich glaube er fragte. Aber ich hörte das nicht. Alles, was es zu sagen gab, war eh längst schon getan und war da. Dann öffneten wir die Türen und wurden direkt überrollt vom Rauschen. Ein eiskaltes Rauschen. Es fuhr uns durchs Haar, über das Haar unserer Haut, ging durch sie durch. Wir suchten schnell ein paar dünne Hemden und wickelten uns darin ein. Etwas dickeres und wärmeres hatten wir nicht dabei. Ich wünschte, ich hätte etwas Längeres mit genommen. Ich wusste, dass er es sich auch wünschte. Ich sah es an seiner Gebärde, daran wie er sich sein dünnes Hemd am Hals zuhielt. Daran, dass es ihm zu kalt war es zu zuknöpfen. Die Kälte macht ihn immer ungeduldig. Wir konnten kaum geradeaus gehen. Der Wind schubste uns von Schritt zu Schritt. Wir torkelten uns vorwärts über die Steilklippen.

Wir hielten inne, atmeten die Schönheit, zogen sie mit jeder Pore in uns ein, schleppten uns leichtfüßig in die Fortaleza, eine Festung aus dem 15. Jahrhundert, dessen Wände fast einen halben Meter dick sind. Sie sind kalt. Ihre Wände. Aber wärmer als das eiskalte Rauschen. Nichts war zu hören. Niemand war zu hören. Obwohl wir dicht an dicht gingen. Es war laut. Es drang laut durch unsere Haut, raute sich in uns auf, löste alle Grenzen. Der Wind, der uns küsste, uns hautnah formte, war laut, zu laut, um uns zu hören, aber so laut, dass wir einander ohne Worte verstehen. Das, was Portugal still macht, ist dies Laute ganz hautnah.



In Deep

„In Deep“ übersetzen wir nicht nur mit „tief drinnen“, sondern auch mit „tief involviert“. Ein Wortspiel auf das, dass Ensemble „Skin Deep“ aufmerksam macht. Das es nämlich unsere Haut ist, die der Schlüssel unserer Tiefe sowie unserer Involviertheit ist.

Laut der Phänomenologie des Leibes findet unser Körper seine Grenzen nicht bei seiner  Haut. Vor der Tatsache, dass wir uns körperfremde Dinge, wie einen Ring oder einen Blindenstock einverleiben als ein körpereigenes Ding, heißt das, dass unsere Haut weder unser Anfang noch unser Ende ist. Die Haut ist eben unser größtes Organ. Der Phänomenologe Maurice Merleau-Ponty schreibt zum Organismus:


„Der eigene Leib ist in der Welt wie das Herz im Organismus: er ist es, der alles sichtbare Schauspiel unaufhörlich am Leben erhält, es innerlich ernährt und beseelt […]“

(aus seiner Phänomenologie der Wahrnehmung).


Das, was das Ensemble Skin Deep besonders verkörpert ist gerade dieser Aspekt, der unter den Begriffen wie Körper oder Leib aber irgendwie unter den Tisch fällt. Mag es daran liegen, dass die Haut unseren Körper und unseren Leib nur „dünn“ überzieht? Wir unserer leiblichen Tatsächlichkeit gar nicht mehr gewahr sind, weil wir mehr sagen als tun?

Mit „wir“ spreche ich unsere westliche Gesellschaft an und vorzüglich unsere Industriestaaten. Da, wo uns unser Körper sozusagen noch mehr aus dem Weg geht, damit wir „unsere Arbeit“ verrichten können. Da, wo unser Überleben „arbeiten“ heißt. Überwiegend durch Dienstleistungen, Verwaltung, Gesundheit- und Sozialwesen, Handel, Gewerbe, Tourismus, Finanzen, Versicherung und Bildung. Dann kommt das produzierende Gewerbe: Automobile, Maschinenbau, Elektro- und Digitalindustrie, Pharmazie und Chemiewerkstätten. Alles Tätigkeiten, wo uns unser Körper aus dem Weg geht. Alles Tätigkeiten, die nicht direkt Über-Leben gehen, sondern darüber gleiten. Es heißt nicht, dass wir für unser Leben arbeiten. Wir sagen stattdessen, dass wir „Geld verdienen gehen“. Wir gehen für eine Sache arbeiten, die uns im Grunde nicht angeht, weil sie nicht als natürliches Phänomen existiert. Schließlich ist Geld ein kollektives Konstrukt, auf dessen Wert wir uns geeignet haben. Nicht ohne Grund spricht Karl Marx von „Entfremdung“. Unsere Arbeit dreht sich eben nicht um die Entfaltung unserer Selbst, sondern um den finanziellen Erwerb. Das, was wir durch bewegungsarmes Arbeiten erwerben sind sogenannte „Toträume“, die durch mangelnde Bewegung entstehen. Bewegungsmangel führt zur Verflachung unserer Atmung, das einhergeht mit einer geringeren Durchblutung bestimmter Lungenbereiche, die zwar „belüftet“ werden, aber nicht mehr perfundiert (durchblutet) werden.

Und das uns unser Körper aus dem Weg geht, ist keine bloße Redensart oder metaphorisch gemeint. Sondern es ist eine Tatsächlichkeit der Beschaffenheit unseres Leibes. Einverleibte Tätigkeiten, wie das Gehen, Laufen oder Radfahren sind keine Akte über die wir erst nachdenken müssen, um sie zu vollziehen. Wäre dem so, könnten wir unsere Aufmerksamkeit während des Radfahrens gar nicht auf den Straßenverkehr richten. Schließlich haben wir immer nur eine Aufmerksamkeit zur Zeit. „Multi Tasking“ heißt nicht, dass wir mehrere Aufmerksamkeiten haben, sondern verweist darauf, dass wir uns mehrere Dinge einverleibt haben, die wir gleichzeitig verrichten können, wie beim Essen sich zu unterhalten. Unsere meisten (Leibes-)Tätigkeiten haben wir uns insoweit einverleibt, dass uns unsere zu-Gegende Involviertheit entgeht. Wir wandern eben mit unserem Denken und weniger mit unserer Leiblichkeit. Statt auf die Schönheit des Weges zu achten auf dem wir gerade gehen, träumen wir von einem noch Schönerem. Der Weg, der uns gegenwärtig ist, fällt uns in der Regel erst dann auf, wenn wir stolpern. Dann schauen wir hin. Sehen den Stein, der uns zu Fall brachte. Und statt unserer eigenen Unzulänglichkeit bewusst zu werden, geben wir dem Stein die Schuld. So reden und dichten wir uns unsere Welt zusammen und kümmern uns zunehmend weniger um unsere eigentliche Haut. Unsere Haut ist zusehend mit Optik beschäftigt, ob mit unserem eigenen Aussehen und Image oder dem Ansehen von anderen und Dingen. Zweidimensional beschränken wir unser Sichtfeld auf unser Smartphone im Schnitt zwei bis drei Stunden täglich. Dabei ist der größte Reichtum unserer Haut das ganze Fühlen. Das Fühlen ist in keiner Dimension messbar. Es ist eine multimodale somatosensorische Einheit. Das bedeutet, dass es nicht nur ein Sinn ist, sondern das Zusammenwirken verschiedener Submodalitäten der Somatosensorik (die Gesamtheit der bewussten und unbewussten Körperwahrnehmungen). Und bereits ohne Smartphone spricht Herbert Marcuse davon, dass der Mensch durch das moderne Industriezeitalter eindimensional geworden ist.

Im Folgenden werde ich deshalb also darlegen, worin aus leiblicher Sicht der Unterschied zwischen „Sagen“ und „Tun“ besteht, woran das Ensemble Skin Deep erinnert, indem es sagt, was es tut.


Skin

Skin Deep ist ein zeitgenössisches Tanzstück, das ich in der Schwankhalle Bremen gesehen habe. Wer den Theatersaal der Schwankhalle kennt, weiß, dass wir der Bühne und dem Schauspiel dort hautnah sind. Für die, die den Saal nicht kennen, dürfen sich einen Vorlesungssaal vorstellen. Alle Bremer*innen kennen vielleicht die Keksdose der Universität Bremen. In Zahlen ausgedrückt verfügt der Saal, wo ich Skin Deep sah über 120 Sitzplätze. Obgleich es mir hier im Grunde zu wider ist, es in Zahlen auszudrücken. Schließlich entgeht unserem Zahlenfetisch und unserem Rationalisierungs-Kult das Wesentliche, wie sich gut an einer Passage aus dem Kleinen Prinzen illustrieren lässt:


„Wenn ich euch dieses nebensächliche Drum und Dran über den Planeten B612 erzähle und euch sogar seine Nummer anvertraue, so geschieht das der großen Leute wegen. Die großen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie: Wie ist der Klang seiner Stimme? Welche Spiele liebt er am meisten? Sammelt er Schmetterlinge? Sie fragen euch: Wie alt ist er? Wieviel Brüder hat er? Wieviel wiegt er? Wieviel verdient sein Vater? Dann erst glauben sie, ihn zu kennen“

(Antoine de Saint-Expupéry)


Und trotzdem, obwohl es uns vor allem in der Kunst doch eigentlich um das Wesentliche geht, weshalb wir sie aufsuchen oder schaffen, reden wir dabei sehr viel über „Zahlen“. Im Grunde „müsste“ ich jetzt erst einmal das Stück Skin Deep beschreiben und analysieren, bevor ich daran gehe und mein Empfinden darüber ausdrücke. Aber damit würde ich die Leiblichkeit von Skin Deep verletzten, weil es ihm seine Haut abziehen würde. Wenn ich beispielsweise aufzähle, wieviele Tänzer*innen insgesamt auf der Bühne waren. Sage, wieviele davon Frauen und wieviele davon Männer waren. Wenn ich versuche zu verallgemeinern, was Skin Deep evoziert. Damit nehme ich dem Stück, als Organismus nach Merleau-Ponty verstanden, sein Herz. Nicht bloß wegen der Tatsache, dass eine Aufführung ohnehin etwas ist, dass sie nicht einfangen lässt, weil es bloß en actu (das Wirkliche, das lebendig Vollendete) präsent ist. Eine Aufführung lässt sich eben nicht 1:1 wiederholen. Sie lebt, wie wir alle, von ihrer Einmaligkeit. Vielmehr würde ich Skin Deep aber in Zahlen und Analyse verletzen, weil es eben „Skin Deep“ heißt. Es dreht sich um die Involviertheit des Subjekts. Damit muss ich also bei mir bleiben und zwar da, wo ich lebe. Es zwingt mich in mein Wie hinein zu atmen und dort nachzuspüren.

Das ist etwas, wo uns das Was zunächst nichts angeht, sondern nur noch sein Wie. Alles, was bei Skin Deep passiert, geht von einem Wie aus. Perspektivisch gerichtet vom Wie auf ein mögliches Was, eine potentielle Dasheit. Die aber dann Jeder und Jede für sich selbst beantwortet. Wir können uns zwar darüber austauschen. Doch das Primat von Skin Deep dreht sich um das Wie. Ja, im wahrsten Sinne des Wortes handelt es sich hierbei um eine Drehung. Denn das Wie ist unsere Perspektive. Unsere Perspektive geht immer bloß an Rändern spazieren. Wir können die Rückseite des Hauses vor dem wir stehen eben nicht sehen. Wir erschließen uns den Rest, wie die Seiten bei einem Würfel oder wir nehmen ihn in die Hand und drehen ihn. So oder so, wir müssen uns drehen und zwar um 180 Grad.

Unter dem Titel „Skin“ präzisiert sich die Bedeutung unserer Perspektive. Damit steuert Skin Deep einen Kurswechsel an. Das Stück erinnert uns an das, was uns allgegenwärtig entgeht und geht damit eine vollständige Umkehr an. Denn unsere Haut ist vor allen anderen Wahrnehmungsorganen dasjenige, das vorzüglich fühlt. Während unser Auge über den visuellen, unser Ohr über den auditiven, unsere Nase über den olfaktorischen, unsere Zunge hauptsächlich über den gustatorischen Sinn verfügt, bereichert unsere Haut uns um die Weite des Tastsinns, den taktilen und haptischen Sinn. Und spätestens hier merken wir, dass unsere Haut alle anderen Sinne umschließt. Unsere Haut berührt und verbindet unsere Sinne. Eben wegen dieser unzertrennlichen Verbindung, die unserer Haut wesentlich ist, würde ich zerreißen, wenn ich Skin Deep vergeistige in Zahlen und Analysen.

Letztendlich ist die Dasheit, das Was, was mir aber in dem Stück dann aber dennoch begegnete: Unsere Wesenheit: Ein Spiel mit einer untrennbaren Verbundenheit, die dem Zerreißen aber immer wieder nahe kommt. Unsere Haut ist eben extrem dehnbar. Sie ist reißfest und elastisch. Je nach Körperregion, Alter und Zustand kann sie sich signifikant dehnen und kehrt sich danach wieder in ihre ursprüngliche Form zurück. Und diese Tatsächlichkeiten unseres Körper sind durchaus auch „deep“ zu verstehen also im übertragenden, metaphorischen Sinne. Die Beschaffenheit unseres Körpers verweist nämlich nicht nur auf unseren mentalen Zustand und unser Denken, sondern formt es: Wir kneifen unsere Augen beim Lesen zusammen, um unseren Blick zu schärfen, weil das Licht schlechter wird, aber es hilft nicht. Der Wein in Frankreich schmeckt uns in Deutschland plötzlich nicht mehr. Wenn wir beim Sprechen stehen, verleiht es unser Rede unmittelbar mehr Stärke. Es sind die Türrahmen, an denen wir uns stoßen, die unsere Lebensanekdoten schreiben. Ich sehe Skin Deep und verstehe mich selbst. Ein Stück, dass nicht spricht, sondern bloß tut.

Unser Leib beschreibt schlechthin unsere unumstößliche Involviertheit, unser In-Deep und unsere Haut veranschaulicht es. Sie ist weder luft- noch wasserdicht. Unsere Haut ist permeabel (durchlässig). Eben so, wie wir selbst permeabel sind. Wir sind eben keine getrennten Individuen. Weder die Welt noch die anderen sind etwas abgetrenntes von uns. Als Individuen sind wir zwar unteilbar, d.h. wir sind je für sich einmalig. Aber das impliziert nicht, dass wir deshalb nicht permanent vom Verhältnis zur Welt leben. Und eben das veranschaulicht unsere Haut: Unser Außen und Innen ein derselben Sache. Wir sind inbegriffen durch unterschiedliche Seinsschichten einer Welt: Äußere und innere Entitäten (Seinsweisen). Den Würfel den ich mit meinen äußeren, sinnlichen Wahrnehmungsorganen bloß teilweise erfasse, aber mit meinen inneren Sinnen aus Überlegung, Erfahrung, Erinnerung und Transfer zu einem Ganzen erschließe. Meine Tagesform, die meine Tatkraft und mein Denken beeinflusst, hängt nicht davon ab, wie ich die Welt sehe oder wie die Welt mich sieht, sondern hängt vor allem an dem Verhältnis überhaupt. Beide Seiten sind gleich. Im Grunde gibt es gar keine Seiten, sondern bloß das Verhältnis, an dem wir nicht nur uns selbst erkennen, sondern alles andere eben auch.


Skin In Deep

Nicht im Sagen liegt die Tatsache des Ichs, sondern im Tun. Friedrich Nietzsche schreibt im Zarathustra: „Das Ich sagt Ich. Aber das Selbst tut ich“.

Nietzsche versteht unter „Selbst“ nichts, was wir als Feste irgendwo in uns erst finden. Das Selbst ist das, was wir je schon sind. Unser Selbst erkennen wir eben an unserem Tun. Das impliziert, dass das statu Nascendi (Werden und Entstehen) unserem Selbst vorausgeht: „Werde, der du bist“ (Nietzsche in Fröhliche Wissenschaft).

Im Tun sind wir das, wer wir sind und wir werden der oder die, der oder die wir sind, wenn wir tun und nicht nur sagen oder darüber erzählen, wer wir eigentlich sind. Wie oft entschuldigen sich Menschen für ihr Tun und sagen, dass sie eigentlich ganz anders sind und es sonst auch ganz anders machen. Doch im Sagen und Tun liegt ein gravierender Unterschied, den wir verkennen. Nietzsche schreibt unter dessen - auch im Zarathustra -, dass der Leib die große Vernunft sei, der Geist aber die Kleine und dem Leib bloß als Werkzeug diene. Vor diesem Hintergrund erschließt sich mehr, was das Tun und Sagen von einander unterscheidet und warum Skin Deep sagt, was es tut. Denn das Tun geht von der ganzen oder großen Vernunft aus, dem Leib. Obgleich unser Denken ein Akt ist, bleibt er für sich und berührt weniger unseren Gemeinplatz. Das Tun geht eben mit Haut und Haaren einher, weil es Welt und andere berührt. Es ist präsent und sichtbar. Das Sagen wiederum assoziieren wir vorzüglich mit einem vorangegangen geistigen Akt, weshalb wir dort vergessen, dass das Sprechen im Grunde ein leiblicher Akt ist. Letztlich ist sein Stoff immateriell und verfügt über keine Handfestigkeit. Daher sagt das Sprichwort: „Taten sagen mehr als Worte“.

Hier, beim Sprechen, geht uns unser Körper sozusagen aus dem Weg, damit wir unsere Arbeit verrichten. Wir achten beim Sprechen nicht auf die Laute, die wir zu Wörtern formen. Wir bemerken in der Regel auch nicht, wie wir beim Sprechen stehen, wie sich unser Körper dabei anfühlt, wie sich unsere Glieder zu dem bewegen, was wir sagen. Wenn Nietzsche also schreibt „das Ich sagt Ich. Aber das Selbst tut Ich“, dann haben wir es offenbar mit unterschiedlichen Entitäten des Ichs zu tun. Es gibt ein Ich, das mit dem Sagen voraus geht und es gibt ein Ich, das sich uns zeigt während unseres Tuns. Letzteres entspricht unserem Selbst. Das Selbst ist immer unsere Ganzheit, unsere Gegenwart, unser Wie, unsere Perspektive, unsere Sicht auf die Dinge, unsere große Vernunft, unser Leib - unsere Haut. Das Selbst ist eben nichts, was nur im Inneren irgendwo in uns schlummert und wir erst finden müssen. Es ist auch nichts, was wir mal sind und mal nicht sind. Unser Selbst ist permanent, unsere Ständigkeit. Das heißt aber nicht, dass unser Selbst keine Variationen kennt. Wir selbst erleben es, wenn wir denken eigentlich ganz anders zu sein. Schließlich sagen wir nichts, was wir nicht kennen. In irgendeiner Form ist es uns bekannt und zugänglich das Bild, das wir von uns selbst haben und wir reagieren erstaunt, wenn wir uns anders oder fremd verhalten. Das, was uns dabei entgeht, scheint wohl unsere starrsinnige Sichtweise. Wenn wir uns bloß in unserem zweidimensionalen Gesichtsfeld bewegen. Wir sind nichts, was still steht, das sich irgendwann hat oder findet. Ernst Bloch schreibt:


"Ich bin. Aber habe mich noch nicht. Darum werden wir erst".


Wir, unsere Existenz, unser Leben sind unaufhörlich in einem Noch-Nicht. Das heißt im Werden. Aber nichts daran ist etwas, das wir finden. Werden ist nicht mit einem sich-finden zu verwechseln. Wir sind eben je schon. Das ist etwas, dass wir nicht rein rational begreifen, sondern bloß erfahren. Wenn wir etwas ändern wollen an unserem Tun, dann reicht es eben nicht es zu sagen, dass wir sonst so nicht sind. Wir werden nicht anders sein, nur wenn wir es sagen. Wir müssen es schon tun. Im Tun zeigt sich unsere Wahrheit. Deshalb heißt es auch, dass der Tanz nicht lügen könne. Unser Körper kann nämlich nicht lügen. Lügen ist etwas, dass an der Sprache vor allem hängt und geübt werden muss. Wir lernen es. Eben so lernen Profitänzer*innen täglich ihre Choreo, weil der Körper so schlecht lügen kann. Es ist wie die Haut sich betrachten lässt: im Außen an unserem Tun zeigt sich unser Innen. Das Ich, das dem Sagen vorausgeht, ist ein bißchen wie Disneyland. Es sagt, dass es eigentlich ganz anders ist und in diesem Sagen, glaubt es sich. Anstatt das Tun zu verändern, sagt es einfach wiederholt, dass es sonst ganz anders ist. Dabei entgeht uns das, was uns eigentlich nah ist, was uns berührt, das, was uns eigentlich unter die Haut geht. Und das sind nicht unsere Gedanken, sondern die anderen und die Welt. Deshalb spricht Bloch auch erst von einem Ich-Bin, das aber nur im Wir-Werden sich begreift. Die Pluralität zeigt uns, was wir wirklich manifestiert haben. Und nicht unsere Singularität. In Gedanken können wir alles sein. In der Welt können wir nur eins sein.

Skin Deep bringt eben genau das zum Ausdruck mit einer Sprache, die alle verstehen. Unsere Haut spiegelt nämlich, wie wir uns fühlen. Sie zeichnet uns das Bild unserer repräsentativen Welt. Damit stellt unser Medium zum Leben selbst dar.


Resümee

Skin Deep zeigte mir genau das. Das ist nichts, was sich verallgemeinern ließe und dennoch hat Skin Deep es geschafft etwas Wesentliches über unsere Haut auszusagen, indem sie es eben getan hat. Wir konnten keinen Worten lauschen. Und doch war auch ein Sagen im Raum. Wir blieben konfrontiert mit dem Tun der Tänzer*innen und ihrer Choreografie. Überwiegend begleitet durch instrumentale Musik, die bloß kurzweilig durch Worte untermauert war. Doch es waren Worte, die eh schon permanent im Raum standen, ob eben zur Frage oder Aussage. Darauf kam es nicht mehr an. Das sich wohl erst mit dem Aussprechen der Worte überhaupt erst demonstrierte, dass es gar nicht darum geht, ob es eine Frage oder eine Aussage ist. Vielmehr dass es überhaupt im Raum steht. Vielmehr um die Präsenz an sich.

Skin Deep transportierte uns unsere Welt und unsere anderen, insgesamt unser Verhältnis an sich. Es kam nicht so sehr darauf an, dass sie im ersten Part beispielsweise die Gebärde einer Meditation verkörperten. Vielmehr kam es darauf an, dass sie atmeten. Das war das, was daran hautnah war. Das war das, was der Inbegriff unserer Haut ausmacht: Ihre Permeabilität. Wir atmen nämlich nicht nur über unsere Nase, die, wie wir schon bemerkten, auch umschlossen von unserer Haut ist. Es ist unsere ganze Haut, die atmet. Unsere Ganzheit zur Welt.

Es war das Subtile, das in Skin Deep die Involviertheit der Haut betonte, wie das Spiel von Licht und Schatten. Besonders im zweiten Akt begann es schwindelerregend mit Stroboeffekten, bei dem das Licht in kurzen, schnellen und regelmäßigen Abständen Lichtblitze erzeugt. Mal war nur ein Streifen vom Raum beleuchtet, worin sich die Tänzer*innen sammelten. Andere wiederum herausfielen. Libidinös wurde es als bloß noch eine Reihe an überschlagenen nackten Knien beleuchtet waren. So formte ein Detail eine ganze Welt. Das, was mit jedem Lichteffekt demonstrierend bewahrt blieb, war die unzertrennliche Verbundenheit, die unsere Haut uns unmittelbar schenkt.

Letztendlich kommen wir mit Skin Deep deshalb auch unmittelbar an unser Wie. Das heißt, wie wir uns zur Welt und den anderen verhalten und auch, wie wir uns zu uns selbst verhalten. Es ist nämlich das Tun, das hier im Fokus steht. Schließlich bleibt Tanz ein holistischer Akt, bei dem wir verstummen müssen, wenn wir ihn in Zahlen ausdrücken oder seine Gebärde rationalisieren. Der Tanz bedient sich der großen Vernunft, dem Leib und das ist nichts, was vom Geist, der Welt oder den anderen getrennt ist. Das ist das Einzige, was an dem Tanz kultisch ist: Das er eben alles umfasst, was uns bewegt. Denn der Leib - die große Vernunft - umfasst alles und sie zeigt sich im Tun und nicht im Sagen. Das wiederum etwas aussagt. Unsere Dasheit können wir daran posthum versuchen begrifflich zu begreifen. Doch das Primat, dem wir in Skin Deep begegnen, ist unser Wie.

Es ist eben wie in dem obigen Intro. An einem Ort, wie zwischen der Algarve und Westküste, zu stehen und diesen Ort in sich aufzunehmen, ihn zu atmen, sich von ihm atmen zu lassen. Aber nicht, weil unser Ich sich dazu entscheidet. Nein, es ist, weil der Ort mit seiner „Haut“ dominiert und wir auf uns selbst dadurch gestellt sind. Der Ruhe Portugals kann man schlecht entkommen und ebenso der Stille, die in dem Rauschen an atlantischen Klippen liegt. Skin Deep ist selbst eine Haut, die alles umschließt. Die Grenzen zwischen Bühne und Zuschauer*innenraum marginal, verschwindend gering und das war meines Erachtens nach nichts, was an den Räumlichkeiten der Schwankhalle lag. Aber sehr wohl ein ausgezeichneter Raum für dieses Stück war.

Skin Deep erinnert an das, was uns wesentlich permanent ist: Die Ständigkeit unseres Leibes: Dem, was uns unter die Haut geht. Dem, was wir mit unserer Haut bewegen. Dem, was unsere Haut ausmacht.

 
 
 

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