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"Tumor ist, wenn man trotzdem lacht" Humor zwischen Ernst und Heiterkeit

  • Autorenbild: Anna-Lena
    Anna-Lena
  • 6. Mai
  • 6 Min. Lesezeit

Eine Philosophie des Humors über die Polarisierung von Ernst und Heiterkeit als Lebensprinzip


„Tumor ist, wenn man trotzdem lacht“ sagte mein Stiefvater mit aller Kraft, die ihm noch geblieben war, nachdem er wenige Stunden zuvor wegen eines Tumors im Darm mehrere Liter Blut verloren hatte und gerade noch so überlebte. Mit seinem Humor „zwang“ er uns, meinen ältesten Bruder und unsere Mutter, immer wieder auf leichte Art und Weise zur Selbstüberwindung. Dabei war und ist mein Stiefvater weder ein Witzbold noch ein Aeternus (ewiger Jüngling). Zeit meines Lebens ist er für mich wie ein Fels in der Brandung gewesen, der mich, das Leben und die anderen ernst nimmt. Der zuhört und gerade durch seinen Witz zeigt, dass er den Ernst der Lage verstanden hat. Seine Heiterkeit schwingt eben taktvoll mit dem Ernst des Lebens.

Gerade darin liegt meines Erachtens nach der goldene Glücks-Schlüssel, den uns eine Philosophie des Humors an die Hand geben kann. Nun wir könnten uns fragen, was die Philosophie denn überhaupt mit dem Humor zu tun hat. Im Angesicht der vielen, verstaubten Philosophen*innen fragt sich auch zurecht, ob Philosophie überhaupt lustig sein kann und es wäre wohl ebenso ein Frevel zu behaupten, dass die Philosophie bloß Witze mache. Schließlich geht es ihr um Wahrheit, Erkenntnis und nicht zuletzt um Weisheit. Eben deshalb, weil es ihr vor allem um Weisheit geht und wenigstens vom Namen her nicht primär um Wahrheit oder Erkenntnis, mag die Philosophie zwar immer noch keine Witze erzählen, aber zumindest zeigen, was an der Heiterkeit als Erkenntnisform zur Wahrheit dran ist.

Nietzsche, der bekannt ist für eine Philosophie der Mitfreude statt des Mitleids, verweist auf allerhand Aspekte der Heiterkeit oder des Humors. Er ist maßgeblich vom Heraklit inspiriert und seinem Satz B52:

„Die Zeit ein Kind, - ein Kind beim Brettspiel; ein Kind sitzt auf dem Throne“.

„Die Zeit“ können wir, wie Nietzsche es auch tut, mit „das Leben“ übersetzen. Das Leben wird demnach regiert von einem Kind, das gerade das Schicksal auswürfelt. Es metaphorisiert jenes Schicksal von dem wir täglich Erfahrungen sammeln: Willst du Gott zum Lachen bringen, so schmiede einen Plan. Unsere Schritte im Leben kommen halt meistens ganz anders als geplant, gedacht, gewünscht und erwartet. Im Grunde ist jeder Schritt so gewiss, wie der erste Sprung ins Wasser: vorhersehbar kalt, aber doch immer wieder überraschend, wie wir darauf reagieren und damit umgehen.

So ist das Kind von Haus her ein Neubeginn. Nietzsche schreibt im Zarathustra dazu, dass es ein heiliges Ja-Sagen ist. Aber warum? Offensichtlich, weil Kinder dem vertrauen, was die Welt und die Eltern ihm erzählen. Der Zweifel ist noch fern und wird erst noch geboren, wie Wittgenstein in seinem Nachlass Über Gewißheit im §160 notiert:

„Das Kind lernt, indem es dem Erwachsenen glaubt. Der Zweifel kommt nach dem Glauben“.

Im Kinde liegt also noch die Kraft des Urvertrauens, ein Ja-Sagen, das deshalb heilig ist. Eben deshalb interpretiert Nietzsche B52 des Heraklit folgender Maßen:

"Es ist ein Spiel - nehmt’s nicht zu pathetisch […]“

(Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen).

Denn er will damit zeigen, dass Heraklit die Welt als ein schöpferisches Spiel im Werden und Vergehen begreift, vergleichbar mit der Kunst, die ohne moralische Schwere oder düstere Bewertung ist. Aber stimmt das? Finden wir nicht gerade im Wechselspiel von Werden und Vergehen unser Leid? Wie kann das denn heiter sein? Allerhöchsten könnte Heiterkeit hier Abhilfe leisten das Leid besser zu ertragen oder nicht? Jein. Also sowohl-als-auch. Es kommt immer auf die Perspektive und die Situation an. Beginnen wir vom leichteren Standpunkt aus. Das ist in der Regel der Allzumenschliche: Humor als Entlastung, Überlegenheit und Inkongruenz.

Nicht nur seit wir im Westen vom Lach-Yoga wissen, wissen wir aus eigener Erfahrung, dass Humor entlastend wirkt: Er lockert Spannungen auf und ist oft ein Ventil für unterdrückte Triebe sowie gesellschaftliche Tabus (Freudsche These). Er hat aber ebenso eine hygienische oder katalytische Funktion, weil er der Schwere im Leben einen Schutzraum und einen Türöffner bietet. Vor aller Moral gewährt uns auch das Moment der Überlegenheit, indem wir über andere oder anderes lachen, womit wir also unsere eigene Unzulänglichkeit temporär überbrücken können (Platon und Hobbes). Und worauf er sich vor allem versteht, ist der Widerspruch: Wenn wir kognitive Dissonanzen erfahren, vielleicht gar Verzweiflung, wenn zwischen Erwartung und Realität die Widerspanne zu gigantisch wird und zwei Dinge zusammen kommen, die eigentlich nicht zusammen passen, dann lachen wir (oder wir werden wütend).

Nietzsche thematisiert deswegen in der Fröhlichen Wissenschaft das Verhältnis vom Geist der Schwere, der Wahrheit und der Erkenntnis. Eine weitverbreitete Paraphrase beschreibt Nietzsche Grundgedanken zur Philosophie des Humors daher so:

„Nur eine Wahrheit, die einen Witz verträgt, ist eine starke Wahrheit“.

Das bedeutet, dass sich unsere Echtheit und Authentizität gerade im Spiel mit der Heiterkeit unter Beweis stellt. Eine Person, die von sich behauptet immer die Wahrheit zu sagen und dann der Lüge bezichtigt wird, wird nicht glaubwürdiger, indem sie wütend auf die Bezichtigung reagiert. Wenn sie allerdings mit einem Witz darauf reagiert, wirkt sie authentisch. Obgleich natürlich die Behauptung „immer“ die Wahrheit zu sprechen eh schon zu hoch gegriffen wäre, um überhaupt noch Wahrheit zu beanspruchen. Deshalb stellt die Philosophie des Humors die Verwandtschaft zwischen dem Denken und des Lachens heraus: Weil das Lachen wie das Denken eben an unseren festgefahrenen Gewissheiten rüttelt.

Doch, wie ich Eigangs am Beispiel meines Stiefvaters zeigte, wird jeder Humor zu einer Witzfigur, wenn ihm der Ernst fehlt und eine Philosophie des Humors möchte sicher nicht dafür her halten. Sonst würde sie ja nicht die Verwandtschaft vom Lachen und Denken untersuchen. Schauen wir uns dazu einmal an, wie der Humor an-sich für-sich ist. Das An-sich heißt also der (unbewusste) Humor in seinem Sein sowie Grund und das Für-sich beschreibt, wenn wir uns über dieses Sein und den Grund gewahr oder bewusst werden (an-sich und für-sich sind dialektische Prozesse nach Hegel). Wir haben uns eben ja schon den Grund oder ein paar Gründe für den Einsatz von Humor angeschaut. Das Sein des Humors geht daran ebenso nahtlos über. Denn der Humor bedient sich einer metaphorischen Sprache, die Gleichnisse verwendet, ähnlich wie die Bibel, weil der Witz eben das Schwere, das uns zur Last - gar Dauerbelastung - geworden ist, leichter macht. Humor wird damit zu einer Form der Offenbarung. Schließlich vermag er etwas auszusagen, das dem rein logischen, direkten Sätzen nicht fassbar wäre. Ein gutes Gleichnis stellt nämlich die Welt auf den Kopf, um den Blick für das Wesentliche zu schärfen. Der Witz in seiner gleichnishaften Form entlarvt somit den „falschen“ Ernst der Welt als bloße Fassade. Er ist wie der Echo-Laut einer Freiheit, weil er aufgrund seiner metaphysischen Struktur nicht von dieser Welt ist. Dazu nutzt er aber Bilder und Paradoxien der Welt, um eine „höhere“ Wahrheit durchscheinen zu lassen. Damit geht er nah ans Religiöse und Mystische. Wir kommen also wieder zu dem Kinde, das auf dem Throne beim Brettspiel sitzt und seinem heiligen Ja-Sagen. So macht der Humor das Unsagbare nämlich sagbar. Er überbrückt die Spannung unserer Endlichkeit und der Sehnsucht nach dem Unendlichen.

Hiermit zeigt sich der Humor im heraklitischen Sinne des Nietzsche als einen spielenden Gott, weil er die Schöpfung als Spiel begreift. Das heißt als ein Akt aus Überfluss und Freude und nicht aus Notwendigkeit. Der Mensch, der auf der Erde steht wird konfrontiert mit dem Ernst im Leben, aber richtet sich eben gegen den Himmel seiner Heiterkeit aus (ein Bild von Hugo Rahner in „Der spielende Mensch“). Die Schwierigkeit, die sich uns im Angesicht der Heiterkeit und Ernsthaftigkeit im Leben stellt, ist sich in der entsprechenden Eutrapelia wieder zu finden. Jene klassische Tugend, die Aristoteles als Kunst der heiteren, maßvollen Unterhaltung des feinsinnigen Scherzes und der geistreichen Geselligkeit beschreibt. So schafft das entsprechende Mittelmaß oder das Zusammenspiel von Heiterkeit und Ernsthaftigkeit eine Leichtigkeit, die zum Mut führt ohne dabei gewalttätig zu werden. Der Ernst ist dabei das notwendige Lot, der uns am Boden hält und die Heiterkeit ist der Auftrieb, der verhindert, dass wir im Boden versinken.

Denn eine Heiterkeit ohne Ernst flüchtet in den Übermut: Sie führt zum Realitätsverlust, Verleugnung der Tragik und gerät in eine oberflächliche Beliebigkeit. Die ausschließliche Heiterkeit (also ohne Bezug zur Ernsthaftigkeit) ignoriert ihre eigene Angst, die die eigentliche Kraft ihres Mutes ist.

Der Ernst ohne Heiterkeit wiederum führt ebenso in eine Flucht und zwar in die Gewalt oder Schwere. Der reine Ernst ist bloß ein Sklave der Tatsachen, seine Vernunft verendet als bloßes Kontrollwerkzeug statt zu einem Denk-Instrument. Entscheidungen werden aus allem Ernst zur Last. Der Mutakt erfordert Willensanstrengung und letztlich richtet sich die Gewalt gegen sich selbst.

Die Balance zwischen dem Spiel von Heiterkeit und Ernsthaftigkeit sorgt also für Ehrlichkeit sowie Aufrichtigkeit gegenüber Ängsten und Tatsachen. Denn die Heiterkeit schafft den Raum, indem man sich trotz ernster Tatsachen bewegen kann. Damit wird die Paarung von Heiterkeit und Ernsthaftigkeit zu einem gelingenden Lebensprinzip:

„Und mit keinem anderen Bild kann er darum am schönsten sprechen von dem Glück dieses endlosen Lebens als mit dem Bild vom himmlischen Tanzspiel“

(Hugo Rahner).

 
 
 

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