Über die Reihe Inspiration & Tanz

Ein philosophischer Tanz anhand:
Verantwortung, Harmonie und Vorfreude

„Verantwortung“ und „Harmonie“ hatte ich schon in anderen Reihen von „Inspiration & Tanz“ gezogen, aber noch nicht in dieser Konstellation. Ich merke immer wieder: Wenn sich Begriffe wiederholen, aber in einer anderen Anordnung, dann ändert sich auch die philosophische Betrachtungsweise.
Erst war ich etwas enttäuscht, dass ich schon wieder „Verantwortung“ und schon wieder „Harmonie“ gezogen hatte. Obwohl dies natürlich irgendwann zu erwarten war — schließlich ziehe ich jedes Mal aus denselben 52 Begriffskarten drei aus dem Deck und wähle passend dazu Musik für Inspiration & Tanz aus. Selbstredend kommt es dabei zu Wiederholungen. Allerdings wäre es schon ein verrückter Zufall, wenn ich eins zu eins hintereinander dieselben Begriffe ziehen würde. Es bleibt also trotz aller Wiederholung ein unerwartetes Element — was meiner anfänglichen Enttäuschung und der Befürchtung, es könnte langweilig werden, Trost spendet.
Ich scrolle durch meine Playlisten, um nachzuschauen, wie sich „Verantwortung“ und „Harmonie“ die letzten Male anordneten. „Verantwortung“ hatte ich als zweites gezogen, ihr ging „Spontanität“ voran und es folgte ihr „Freude“. Nun wohnt der Freude zwar die Vorfreude inne, aber ehrlicherweise muss ich dazu sagen, dass ich die Begriffe auf englisch ziehe und deshalb eigentlich „expectancy“ gezogen hatte. Mit ihren Vorläuferinnen habe ich sie dann nicht mit „Erwartung“, sondern mit „Vorfreude“ übersetzt, worauf ich später näher eingehe. Der Tanz in der Reihe von „Spontanität, Verantwortung und Freude“ inspirierte allenfalls eine ganz andere Philosophie als sie jetzt die Reihe von „Verantwortung, Harmonie und Vorfreude“ bewegen wird.
Ich scrolle wieder durch meine Playlisten, um nach der Reihe zu suchen, wo die „Harmonie“ vorkam. „Harmonie“ hatte ich, wie früher die „Verantwortung“ und heute wieder, als zweites gezogen. Ihr ging die „Fülle“ voran, gefolgt von der „Inspiration“. Ich erinnere mich über meine damalige Intuition mit der „Harmonie“, wie ich sie philosophisch aufdröseln wollte, um mit anderen dazu gemeinsam zu tanzen. Und ich vergleiche sie mit meiner heutigen Intuition.
Vielleicht liegt es an meiner philosophischen Prägung, dass ich bei „Harmonie“ immer zuerst an das altgriechische Verständnis von „Harmonia“ denken muss, worunter damals kosmische und musische Ordnungen verhandelt wurden. Ebenso daran, dass Harmonie nicht einseitig oder eingleisig zu verstehen ist — etwa als die bloße Abwesenheit von etwas, wie Schmerz oder Anspannung —, sondern immer ein Spannungsverhältnis beschreibt. Anhand unserer körperlicher Beschaffenheit lässt sich dies wunderbar veranschaulichen: Unser Nervensystem zeigt sich in Harmonie, wenn unser Sympathikus, (der für Anspannung und Aktivität sorgt) und unser Parasympathikus (der für Entspannung und Passivität sorgt) balanciert miteinander interagieren.
Sicher macht es einen bedeutenden Unterschied, wenn der Harmonie „Fülle“ vorangeht. Aber mir scheint, als würde der Harmonie-Begriff einen festeren, stabileren und unumstößlicheren Sinn verfolgen. Der Begriff der „Verantwortung“ gestaltet sich mir da schon viel weniger fest — als wäre die Bedeutung der „Verantwortung" viel umstrittener als die der Harmonie. „Harmonie“ ist zwar kein archaischer Begriff, weil sie nicht veraltet ist, aber sie ist in ihrer Kernbedeutung über die Jahrhunderte stabil geblieben. So reden wir beispielsweise auch heute noch ganz selbstverständlich von der Harmonielehre im Musikunterricht. Unser Bezug zur Verantwortung hingegen hat sich historisch drastisch geändert und ist heute viel dynamischer auslegbar. Es mag mitunter daran liegen, dass die Harmonie mehr ein strukturstabiler Phänomenbegriff ist und die Verantwortung eher ein moralischer Reflexionsbegriff.
Heute steht vor diesem Schwergewicht der unumstößlichen Harmonie ein dynamischer Reflexionsbegriff. Das letzte Mal ging mit der „Fülle“ ebenso ein strukturstabiler Phänomenbegriff voran. Das ändert natürlich den Zugang und die Betrachtungsweise auf die Harmonie. Zugleich ändert es nichts an ihrer Bedeutung, sondern verleiht dieser philosophischen Tanzreihe — vor allem durch ihre Postion in der Mitte, eine gewisse Erdung, über die ich im Folgenden reflektieren möchte.
Die Reihe „Verantwortung, Harmonie und Vorfreude“ hat also noch nicht statt gefunden, sondern steht gerade in meiner Vorbereitung. Vor jeder musikalischen Auswahl sinne ich darüber nach, welchen philosophischen Gedankengang oder welche philosophische Geschichte die Begriffe beschreiben könnten. Ich gehe also nicht einen Begriff nach dem anderen ab und reihe zusammenhangslos Definitionen aneinander. Ich betrachte die Begriffe wie einen Reigentanz auf einer gemeinsamen Kreislinie nach heraklitischer Lehre: „Anfang und Ende sind sich auf einer Kreislinie gleich“. Das heißt, dass ich nach Übereinstimmungen und Gegensätzen der Begriffe schaue. Im Grunde spüre ich ihrer Resonanz nach. In welchem Verhältnis stehen diese Begriffe und wie verändert sich ihr jeweiliger Sinn oder die Perspektive darauf, wenn zum Beispiel der Verantwortung die Vorfreude gegenübersteht, sie aber gleichzeitig von der Harmonie gehalten wird?
Meine erste Impression fiel direkt auf den Aspekt der „Antwort“, die in dem Wort „Verantwortung“ steckt. Im Angesicht der Vorfreude und Erwartung gestaltet sich die Verantwortung weniger als schwere Last und Bürde, sondern als etwas, das von sich aus antworten will und dadurch Verantwortung übernimmt. Das letzte Mal gestaltete sich die Verantwortung mit ihrer Vorläuferin der Spontanität viel moralisierender. Dies mag natürlich daran liegen, dass „Spontanität“ wie die Verantwortung ein Reflexionsbegriff ist. Denn hier stellte sich vielmehr die Frage — oder es rückte mehr die Aussage in den Raum—, dass Spontanität nicht ohne Verantwortung auskommt. Wir müssen uns eben auch und gerade für unsere spontanen Handlungen verantworten. Das zeichnet ein ganz anderes Bild und inspiriert vor allem ein völlig anderes Tanzspiel als bei Verantwortung an die aktive „Antwort“ zu denken.
Verantwortung im Sinne ihres Antworten spricht den Tanz in seinem Wesen unmittelbar an, weil es hier um eine nüchterne und weniger moralisierende Betrachtung geht: um den Aspekt der Resonanz. Der Tanz ist quasi selbst wie ein Resonanzorgan. Er kann sich nur gestalten, indem auf sich selbst, den Leib, und die Welt, den Raum, antwortet. Verantwortung im Antlitz der Vorfreude spricht genau diese Resonanz an: Die Vorfreude ist schon die überkommende und antwortende Verantwortung. Und sie wird umso größer, wenn wir uns in das Gefühl einer entsprechenden Ordnung — der Harmonie — einschwingen.
Die Gewissheit auf die Erfüllung dessen, worauf wir uns vorfreuen, wird umso wahrscheinlicher, je besser wir es durchdacht haben. Doch genau an diesem Schneideweg werden wir oft enttäuscht. Denn unserer Erwartung nach hatten wir doch alles bedacht, wir haben sozusagen „alles richtig“ gemacht. Meistens zeigt sich dann in der Erfahrungswirklichkeit, dass wir den Schattenseiten blind gegenüber waren — den möglichen unschönen Konsequenzen und der Tatsache, dass im Erwarten immer auch das Unerwartete liegt. Die Vorfreude zerplatzt dann als Seifenblasentraum in der Luft.
Hier kommt die Erdung ins Spiel, die stabilen Phänomenbegriffe wie die Harmonie mit sich bringen. Im Angesicht der Harmonie werden wir daran erinnert, dass sich kein Licht ohne seinen Schatten erkennen lässt. Die Vorfreude definiert sich hiermit als weniger eng bzw. konkret. Ja, wir können uns bei der Vorfreude auf ein Eis ziemlich sicher sein, dass der Genuss erfüllt wird. Aber bei der Vorfreude auf einen Kinofilm wird es schon viel unwahrscheinlicher, dass wir den Film tatsächlich genießen werden. Die philosophische Frage, die sich hier stellt, lautet also: Wie können wir unsere Vorfreude garantieren im Sinne der stabilen Harmonie?
Zuerst muss ich wohl anmerken, warum das ausgerechnet eine philosophische Frage ist. Sie ist insofern philosophisch, weil die Philosophie „die Liebe zur Weisheit“ bedeutet und damit also etwas Allgemeines über die Welt aussagen möchte. Weisheit liegt eben nie falsch. Das ist das Besondere an ihr. Das zweite Besondere an der Weisheit ist, dass wir sie im Grunde gar nicht planen können. Die Philosophie befindet sich damit in einem Selbstwiderspruch: Auf der einen Seiten sucht sie nach Weisheiten, auf der anderen Seite entsteht Weisheit aber nicht durch Vielwisserei, sondern gerade durch ihre Definitionsoffenheit.
Und genau diese Definitionsoffenheit brauchen wir auch, wenn es um die Vorfreude geht, die nicht in Enttäuschung münden soll. Sicher mag es helfen, die Vorfreude als autonomes Phänomen zu betrachten. Das heißt, sie unabhängig von ihren Folgen im Moment — en actu — schon zu genießen und dankbar dafür zu sein, dass sie über einen gekommen ist. Aber so richtig befriedigend erscheint das nicht, wenn darauf direkt eine bittere Enttäuschung folgt.
Es mag vielleicht mehr helfen, wenn wir der Vorfreude definitionsoffener begegnen, indem wir uns darüber klar und nüchtern werden, dass sich die Harmonie nur in Spannungsverhältnissen einschwingt. Das bedeutet, dass wir das Objekt unserer Begierde in unserer Vorfreude weniger idealisieren, sondern es wie einen Würfel pluralistisch betrachten. Wir müssen uns dazu nicht jede negative Konsequenz ausmalen — das würde den Enthusiasmus unser Vorfreude nur dämpfen. Vielmehr könnten wir den Aspekt der offenen Spannung, die uns stabil gegeben ist, mehr in unser Gewachrsein der Vorfreude einfließen lassen.
Dass die Freude eben, wie ein guter Gruselroman, immer etwas Unvorhergesehenes, Unerhofftes und Aufregendes in sich trägt. Und genau darauf könnte sich unsere Antwort der Verantwortung richten. Wir wissen oft nicht, was wir eigentlich tun — wie in dem berühmten Film mit James Dean. Wir handeln erst, und dann sehen wir: Das hätten wir anders gemacht, wenn wir es gewusst hätten. Und trotzdem tragen wir für die Konsequenzen unseres Handelns die Verantwortung. Im Antlitz der Vorfreude wird dieses Nicht-Wissen aber nicht zu einer Bedrohung, sondern zu einer Antwort, die nur unsere Harmonie kennt.
Hiermit kommt die entscheidende Kehrwende, warum der Tanz für dieses philosophische Unterfangen und Gedankenspiel so gewinnbringend ist: Denn erst während des philosophischen Tanzes manifestiert sich die gelebte Weisheit. Ich mag zwar die Strippenzieherin sein, indem ich die Veranstaltung vorbereite, philosophisch darüber nachsinne, die Musik auswähle und dann während des Tanzens entsprechende Impulse setze, aber erst mit dem Tanz entstehen neue Bilder, Assoziationen und Inspiration darüber, was Verantwortung bedeutet, wenn sie in Vorfreude mündet und über den Weg der Harmonie geht. Zugleich wird sich zeigen, was Vorfreude bedeutet, wenn ihr die Verantwortung vorangeht. Es kündigt sich bereits an, dass dieser Art der Vorfreude sehr viel mehr Bodenständigkeit und Ernsthaftigkeit innewohnt, als wir vielleicht annehmen würden, wenn wir sie isoliert betrachten. Und trotz der Stabilität, die von Phänomenbegriffen ausgeht, wird sich auch die Harmonie in einem anderen Licht darstellen, wenn sie zwischen den beiden Polen „Verantwortung“ und „Vorfreude“ balanciert. Aber dies sind alles, wie gesagt, bloß Gedanken. Ihr wahres Gesicht entsteht erst mit dem Tanz. Weil Philosophie dann nicht mehr bloß Theorie ist, sondern unmittelbar leiblich umgesetzt, erfahren und angewendet wird.
Genau an diesem Übergang von der Idee zur Bewegung verliert das Denken seine Schwere. Wenn sich der Raum öffnet und die Musik einsetzt, treten wir aus dem reinen Reflektieren heraus und überlassen uns dem Phänomen des Moments. Wir müssen die Begriffe nicht mehr intellektuell festhalten; unser Leib übernimmt das Antworten. Er balanciert die unumstößliche Ordnung der Harmonie mit der Dynamik unserer Verantwortung aus und gibt der Vorfreude den Raum, den sie braucht, um sich frei zu entfalten. Am Ende schließt sich die Kreislinie: Aus dem philosophischen Gedanken wird ein gelebter Moment, und aus der Theorie wird pure, bewegte Präsenz. Darum lade ich dich ein diesen Reigentanz der Begriffe nicht nur auf geistiger Ebene zu verstehen, sondern mit ihn ins Fließen zu bringen. Lass uns gemeinsam erfahren, welche Antworten dieser Konstellation dich bewegen lassen.




Kommentare