The Mental Beings
- Anna-Lena

- vor 6 Tagen
- 6 Min. Lesezeit

*Bild im Vorbeigehen in Ann Arbor, Michigan, USA aufgenommen
The Mental Beings
Was, wenn wir verlernen zu denken…
...wird dann auch nicht mehr getanzt?
Dass unser Westen als verkopft gilt, ist ja schon längst überall bekannt. Doch gibt uns das auch zu denken? Wir reden darüber, ja. Aber was Denken heißt haben wir längst vergessen. Wir vertauschen also nicht nur Wissen und Erkenntnis mit dem Denken und Erkennen, sondern begreifen nicht, was es braucht, um sich zu erinnern.
Das Fatale am Vergessen ist, dass es passiv abläuft. Was das heißt? Wir haben es nicht in der Hand, was wir vergessen. Erst mit dem Moment der Erinnerung, fällt uns auf, dass wir vergessen. Solange wir der Vergessenheit verfallen, befindet sich das, was wir vergessen haben im Reich unseres Unbewussten. Das gibt zumindest Hoffnung, denn wenn es immer noch in uns ist, dann ist es nicht verloren. Und so gehen wir aus dem aus Haus, treten vor die Sonne und plötzlich mit einem Mal fällt uns auf, dass wir unsere Sonnenbrille vergessen haben. Das wiederum scheint frustrierend, wenn das Vergessen erst durch unsere Außenwelt wieder in das Reich unseres Bewusstseins Einzug erhält.
Kennst du das auch? Du erlebst einen wunderbar-schönen Moment und schwörst dir ihn nie zu vergessen. Und dann in einem anderen Moment des Trübsal, willst du dich erinnern, aber was dir einfällt, sind ganz andere Momente. Und du denkst, da war doch noch was anderes, wo ist es nur hin? Vielleicht versuchst du diesem noch auf die Spur zu gehen, aber irgendwann wirst du dir eingestehen, dass selbst die Momente, die wir nicht vergessen wollen, wie Fußspuren im Sand verwehen.
Stattdessen erinnern wir uns an eine Menge Zeug, dass völlig banal ist und im Grunde gar nichts mit uns zu tun hat, beispielsweise, dass Madonna und Heike Makatsch ein Haus in Portugal haben, die Eine im Monchique Gebirge und die andere kurz vor den Küsten von Aljezur, beide wurden da aber wohl noch nie gesehen.
Im Seminar frage ich meine Studenten*innnen, was wir letzte Woche diskutiert haben und ich wundere mich jedes Mal wieder darüber, dass nicht alle Finger sofort hoch gehen. Es ist ja nicht so als würde diese Frage nicht jede Woche stellen. Und hier frage ich mich, ob das Erinnern in Zeiten von Smartphones, Instagram und KI obsolet für die meisten geworden ist?
Klar, ich klebe auch kein Fotoalbum mehr, laufe einmal die Wochen ins Musikgeschäft oder schreibe an alle meine Freunde*innen Postkarten aus dem Urlaub. Dafür habe ich jetzt ein Smartphone und ich genieße den Aberglauben daran, dass ich dadurch weniger Ballast mit mir herumschleppe und leichter durchs Leben gehen kann. In Wirklichkeit aber habe ich unzählige Fotos von Stränden, Sonnenuntergängen, Bäumen, Sträuchern, Blumen, Grashalmen, Schneeflocken, Gesichtern, Fußböden (?! warum auch immer?! aber ich hab sie!) und natürlich habe ich fast jedes Motiv gleich zehnmal fotografiert. Wenn meine Spotify Playlisten physisch wären, könnte ich daraus einem Turm zu Babel bauen. Und meine Postkarten haben sich zu „Kurznachrichten“ mit Fotostory transformiert. Dabei war ich noch nie gut darin mich „kurz“ zu halten. Also schreibe ich mittlerweile keine Postkartengrüße mehr, sondern Romangrüße aus dem Urlaub. Wer will sich schon an das alles erinnern? Geschweige denn sich nochmal diese unzähligen Fotos von ein und demselben Ahorn-Blatt anschauen? Da skippe ich lieber schnell mal ein Lied weiter, bevor ich mir die ganze Platte nochmal reinziehe…
Ja, das Erinnern steht nicht gerade ganz oben auf unserer „Playlist“. Dabei beginnt das westlich-philosophische Denken vor allem mit dem Erinnern. Wir sind im Grunde eine Erinnerungskultur. Und der Wert vom Erinnern ist keine alte Kamelle aus Zeiten, wo wir uns erinnern mussten, weil es eben noch nicht mal Papier gab, um Gedanken aufzuschreiben. Der Wert des Erinnern liegt gerade in seiner überdimensionalen raumzeitlichen Gerichtetheit und das ist die grundlegende Praxis für das Denken überhaupt. Wer nämlich nicht rückwärts denken kann - sprich sich an Vergangenes erinnern - der kann eben auch nicht ins vorwärts denken. Denken kommt nicht aus einem leeren Raum, sondern hat Inhalt, um das es sich bewegt. Und wie schaffen wir uns Inhalte? An was erinnern wir uns? Weniger an das, was wir zuletzt gegoogelt haben. Mehr an das, was wir zuletzt in einem Buch gelesen haben. Weniger an das, was wir zuletzt in unser Schreibprogramm getippt haben. Mehr an das, was wir zuletzt in unser Tagebuch geschrieben haben. Weniger an das, was wir zuletzt auf Instagram für Bilder gesehen haben. Mehr an das, was wir für ein Bild auf unserem Schreibtisch stehen haben. Wie sich unser Denken formt und prägt? Nicht allein aus unserem mentalen Wesen heraus. Das, worüber wir wirklich nachdenken, sind Dinge, die uns passiert sind, Menschen, denen wir begegnet sind, das letzte Lächeln, was uns sagte: „Hallo Welt, schön, dass du da bist und wir in dir sind“. Das, was uns unter die Haut geht. Kein Horrorfilm, sondern der eigene Horror vor dem wir am liebsten alle weglaufen wollen. Den Schmerz, den wir versuchen zu begründen. In den Armen der Rationalität, weil wir hoffen, dass wir dann unseren Schmerz verstehen könnten. Dabei sind Gefühle nicht zu begründen. Gefühle sind nicht nur Fluch, sondern der Segen, der unsere Herzen leicht und frei macht, aber nur wenn wir sie zulassen. Wenn wir sie einfach anschauen, beobachten, ihnen Gewahr werden ohne sie gleich wieder zu bewerten, in eine Form versuchen zu pressen, wo sie doch niemals reinpassen werden, weil Gefühle - unser Herz - eben unbegrenzt ist und sich unser Erinnern immer anders erinnert. Nur wenn wir endlich wieder demütig werden und sehen, dass wir nichts für unsere Gefühle können. Warum also gegen sie kämpfen? Sie kommen und gehen, dann wann auch immer sie da sind und nicht da sind und wir haben das nicht in der Hand.
„Doch!!!“ schreit und wimmert unser Geist und hält vehement dagegen: „Ich habe es in der Hand, welchen Gefühlen ich mich hingebe und welchen nicht. Ich durchschaue alle. Denn ich habe das Wissen“. Aber nein sage ich dir: Der Geist hat keine Hand. Der Geist ist nur etwas am Leibe, schreibt Nietzsche: Er sei etwas, das überwunden werden müsse. Er ist bloß ein Werkzeug am Leibe, das aber die große Vernunft sei.
Und ja, es stimmt: Der Geist hat das Wissen. Aber wozu nützt mir Wissen und Erkenntnis, wenn ich mich nicht erinnern kann? Wenn ich nicht weiß, wie Werkzeuge zu behandeln und bedienen sind. Vielmehr sollten wir unseren Geist arbeiten lassen und fragen: Was also ist erinnern?
Johann Kreuzer sagte mir einst dazu, dass Erinnern und Gedächtnis nicht wie ein Arbeitsspeicher funktioniert. Das Erinnern ruft nicht einfach Wissen, Erkenntnisse bzw. Erinnerungen ab. Vielmehr kommt das Erinnern mit dem Leben. Es ist eben nicht nur „mental being“. „Mental Beings“ das sind entweder Fantasy-Wesen, die eine reine körperlose, geistige oder psychische Entität haben, oder spirituelle Wesen, wie Engel, Geistformen oder Bewusstseinsformen. Ich will nicht sagen, dass ich kein Fan von Michael Endes Uyulála aus der Unendlichen Geschichte bin. Eine Gestalt, die körperlos ist und nur eine Stimme hat, wenn man mit ihr in Reimen spricht. Ebenso erwische mich darin Bewusstseinsformen philosophisch zu betrachten, wie jetzt hier mit diesen Zeilen, die sich gerade durch meine Hände tippen lassen mögen.
Aber wenn wir denken wollen und nicht nur Wissen bergen wie ein schlechter Arbeitsspeicher - schließlich müssen wir einsehen, dass wir es verlernt haben uns zu erinnern - dann müssen wir tanzen können. Dann wollen wir nicht unterschiedliche Formen oder Fantasy-Geschichten frönen. Dann wollen wir nicht das große Ganze in seine atomaren Einzelteile zerlegen, sondern das ganze Ganze. Wie der Tanz sich durch das ganze Ganze entfaltet, wollen wir Zeit, Raum,Leib und Rhythmus erleben. Denn das Denken ist nichts, dass ohne diesen ganzen Leib existieren könnte. Und wenn das Denken, das ist, was das Alleinstellungsmerkmal des Menschen bleiben soll, dann sollten wir uns unseres Leibes wieder bewusst sowie gewahr werden. Das impliziert sich zu erinnern und zwar an sich selbst.
Unser Körper geht uns die meiste Zeit aus dem Weg, damit wir unsere „Arbeit“ verrichten können. Wir müssen nicht mehr darüber nachdenken, wie das Gehen geht, wir lassen uns laufen. Unser Körper fällt uns meistens erst dann auf, wenn er nicht mehr so läuft, wie wir es von ihm erwarten. Heidegger spricht deshalb vom „Zuhandenen“, das erst durch das Zerbrechen vorhanden und sichtbar wird. Wir haben also unseren Körper und sein Fühlen vergessen, an das wir uns unmittelbar erinnern, wenn wir über einen Stein stolpern. Wie wird das Tanzen sein, wenn sich niemand mehr daran erinnert, sondern bloß noch die Theorien von Foucault auf die Bühne bringen anstatt ihnen nachzuspüren?
Es gilt die Theorie wieder mit Fleisch zu betrachten:
„Ich bin kein Intellektueller, der eine Theorie baut. Ich arbeite mit Werkzeugen. Und ich möchte, dass diese Werkzeuge wie ein Paar Skalpelle dienen, um das Fleisch der Realität zu berühren“
- Michael Foucault
Dieses Berühren gelingt uns erst, wenn wir begreifen, dass der Raum und die Welt kein abstraktes Gedankenspiel sind, sondern gelebte Realität:
„Wir lernen nicht das Verhältnis des Raumes zu unserem Körper wie das einer Außenwelt kennen; wir leben den Raum durch unseren Körper, wir sind in ihm verankert“
- Maurice Merleau-Ponty.
Erst in dieser tiefen Verankerung, befreit vom reinen Diktat des verkopften Intellekts finden wir zurück zur großen Vernunft des Leibes. Wir beginnen wieder zu tanzen:
Ich würde nur an einen Gott glauben, der zu tanzen verstünde […] Jetzt bin ich leicht, jetzt fliege ich, jetzt sehe ich mich unter mir, jetzt tanzt ein Gott durch mich“
- Friedrich Nietzsche



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