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Das Licht und sein Schatten

Autorenbild: Anna-Lena
Anna-Lena
31. Aug.
9 Min. Lesezeit

Wieder bin ich irgendwo zwischen der Algarve und der Westküste Portugals. Wieder bin ich eigentlich im Alentejo, aber am südwestlichsten Punkt Europas. Sagres sehe ich diesmal nur aus der Ferne. Ich stehe auf den Bergen von Marmeleite. Eine Aussicht, bei der mein Atem innehält.

Ich bin zu Besuch bei einem Freund eines gemeinsamen Freundes. Wir kennen uns also eigentlich noch nicht und lernen uns gerade erst kennen. Wir werden gleich Freunde. Vielleicht war das schon klar, bevor wir uns begrüßten. Irgendwie hatte ich es im Gefühl. Manchmal gibt es sowas. Vielleicht liegt es auch nur daran, weil ich schon vorher offen war. Zumindest beeinflusst das wohl maßgeblich die Wahrscheinlichkeit.

Was ich noch nicht weiß, aber ahne: Es ist nicht nur die Aussicht von den Bergen bis zu den weiten Küsten Portugals, die mich bewegen wird. Es werden die Gespräche sein, die mir noch lange nachgehen, die mich begleiten wie ein Schatten, der mich auf Schritt und Tritt verfolgt.


Wir stehen in seiner Schreinerei. Sie geht über einen Hang. Ihre bodentiefe und deckenhohe Fensterfront zeigt Richtung Meer, das sich mindestens 30 Kilometer vor uns erstreckt, erzählt mein neuer Freund. Wir stehen auf einem schmalen Vorsprung aus Beton vor der Fensterfront. Was für eine Freiheit. Dieses Gefühl überkommt mich nicht nur, weil an dem Vorsprung kein Geländer befestigt ist und es vor uns circa vier Meter abwärts geht. Es ist vielmehr die Weite, in die ich blicke. So weit, dass jede auffindbare Grenze keine Grenze mehr darstellt. Jede Kontur ist bloß noch Horizont.

Er beginnt, die Namen der Küstenstädte aufzuzählen und zeigt jeweils in ihre Richtung: Lagos, Sagres, Portimão, um nur ein paar bekannte und größere Küstenstädte zu nennen auf die er zeigt. Der Ort hat etwas Magisches, etwas Mythisches -

vielleicht auch bloß etwas rein Natürliches, das der Welt, aus der ich komme, abhandengekommen ist. Ein anderer Freund sagte ein oder zwei Tage zuvor, dass das hier eine kleine Welt sei. Es sei besser miteinander auszukommen und miteinander zu reden. Sonst wäre man hier ganz schnell ganz allein und einsam.


Verblüffend:

Zuhause empfinde ich es als Freiheit, dass ich nicht immer reden muss und es mir aussuchen kann mit wem ich „auskommen muss“. Hier definiert Freiheit sich über die weiten Strecken der Berge und ihre endlosen Horizonte. Vielleicht ist es gar nichts Magisches oder Mythisches, was mich dort berührt, sondern bloß das Natürlichste vom Natürlichsten: Eine irgendwie unberührte, formlose, aber bewegende Welt.


Irgendwann sitzen wir an einem großen Tisch im Haus. Es ist warm. Für mich längst zu heiß. Wir haben August, irgendwas bei 35 Grad im Schatten. Zuhause würde ich nicht auf die Idee kommen, bei solchen Temperaturen ins Haus zu gehen. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich das „gute Wetter“ nicht ausnutzen würde. Aber hier ist es Alltag. Ich mag mich kaum bewegen. Schon bewegungslos treibt mir die warme Luft Schweißperlen auf die Stirn. Über Mittag warte ich im Grunde auf den Nachmittag, dass die Sonne vom Zenit wandert, bis ich mich wieder zumindest im Schildkröten-Tempo bewegen mag.


Das Warten wird diesmal etwas sein, was mich bewegt. Ein, zwei oder gar dreimal wird es mir sogar gelingen einfach „nichts“ zu tun. Was eigentlich unmöglich ist. Denn schließlich ist im Nichtstun immer noch das Tun, im Warten das Warten. Es ist mehr ein Hinnehmen und Anerkennen der Umstände, ein leises Genießen, das sich zu meinem Erstaunen sogar einstellt. Wenn ich des Mittags in der Hängematte liege, zwischen den Kronen der Korkeichen und Pinien in das unendlich weite Blau des Himmels Portugals schaue. Die Augen schließe und den Gesängen des Pirols und Schwalbe lausche, dem Rascheln der Eidechsen in der vertrockneten Steppenlandschaft, dem Zirpen der Zikaden.

Ich bin froh, als er andeutet reinzugehen, um im schattigen Haus zu sitzen, bei ein oder zwei Gläsern Orangensaft. Wir trinken den aus der Algarve. Mit Eiswürfeln sei er der beste, wenn er ein paar Minuten ziehe, sagt mir mein neuer Freund. Erst dann würde er den vollen Geschmack entfalten. Ich denke: Wieder warten. Wieder etwas, was langsamer geht als zuhause. Etwas, was ich nicht gut kann. Etwas, was ich meistens vergesse — dass Dinge auch langsam oder langsamer erledigt werden können. Hier werde ich permanent daran erinnert, dazu gezwungen, überredet.

Und das Warten lohnt sich. Der durchgezogene Orangensaft erinnert mich an glückliche Momente meiner Kindheit. Es schmeckt wie das Capri Orange am Stiel von Langnese. Schon damals das Lieblingseis. Noch heute ein voller Genuss.

Nachdem ersten Tretapak sagt er: „Weißt du, ich meine das so, je südlicher du kommst, umso mehr wendest du dich der Sonne zu und dann…“

Ich falle ihm ins Wort, wieder kann ich nicht abwarten: „…fallen die Schatten hinter dich“. Wir lachen und er erzählt weiter: „und du siehst dann deine Schatten auch nicht mehr“. Spätestens hier sind wir Freunde geworden. Wir werden noch bis Sonnenuntergang philosophieren. Wir sprechen über Menschen, Ansichten, Glaubenssätze, Politik, Arbeit, Visionen, Träume, Psychologie, Wissenschaft… Aber es ist dieser eine Satz, dieser eine Gedanke, den wir teilten, der mir nach geht, der mir damals schon nachgegangen war. Damals war ich 14 und verstand den Satz als eine Art Affirmation, wie in dem Lied von Bobby McFerrin: Don´t worry - be happy! Aber heute sagt mir mein neuer Freund, dass wir dadurch blind werden. Und er hat Recht.

Wer Platons Höhlengleichnis kennt, weiß, dass diejenigen, die sich aus der Höhle befreien und das Licht der Welt erblicken, zunächst geblendet werden. Sie können nichts sehen und müssen sich erst an das Sonnenlicht gewöhnen, um etwas zu erkennen. Meinem neuen Freund ging es nicht nur um den physischen Aspekt. Das viele Warten und Langsam-Machen verführt zur Tagträumerei, wo jede Ernsthaftigkeit in Vergessenheit gerät, weil es zu warm ist, um sich an alles zu erinnern. Aber was ist dies alles eigentlich?

Vielmehr spielte er darauf an, dass hier am südwestlichen Punkts Europas alles weit weg erscheint, eine andere Freiheit herrscht und vieles, was zuhause noch als zivilisiert gilt, hier unwichtig ist. Und dass die Schatten, die uns begleiten, hier eben weniger groß erscheinen, weil die Sonne so weit über uns steht.

Ich verstehe, was er meint. Aber meine Erinnerung ist eine andere. Ich blicke zurück an die Wochen und Monate, die ich in den letzten zwei Jahren hier verbrachte. Hier wurde ganz viel laut in mir. Aber es blieb unsagbar. Irgendwo zwischen irgendwelchen Schluchten und Tälern, durch die ich rannte, obwohl es viel zu warm war, um zu rennen. Immer rennen. Immer rennen. Und schimpfen, weil ich nicht so rennen konnte, wie ich wollte. Weil es zu warm war, zu steil, zu rutschig.

So viel Anpassung. So viel ungewohnte, unkonventionelle Anpassung an etwas, das sichtbar höher und größer als ich ist: Berge über Berge, die sich vor mir endlos auftürmen, mich kleiner und verletzlicher machen als eine Ameise. Ich kann nicht sagen, dass hier meine Schatten hinter mich fallen. Sie fallen direkt vor mich und zwingen mich zum Erliegen, wenn ich nicht auf mich acht gebe, wenn ich nicht auf mich aufpasse.

Die Sonne ist hier wie ein großer Lehrer. Sie kommt wie eine unermüdliche große Segenskraft. Trotz meines Ärgers, trotz meiner Tränen, trotz meiner Ängste, meiner Widerstände und Fluchten scheint sie mir einfach mitten auf meinen Weg. Jeden Tag. Die Sonne wird Tag für Tag jung, wie Heraklit sagt. Sie wird sich ihres Überflusses nicht müde, wie Nietzsche in seiner Vorrede zum Zarathustra schreibt. Was blieb mir anderes übrig als mich mit ihr zu freuen? Aufzustehen, wenn sie kam,

um mich zugleich vor ihrer durchdringenden und beißenden Wärme zu verstecken — weil ich doch zu weich bin, weil ich doch nicht so hart bin, wie ich sonst vorgebe, wenn ich täglich mehrere Kilometer renne. Mit ihr zu wachen und mit ihr zu schlafen.


Und doch musste ich immer wieder erkennen, dass ich aus ihr allein nicht schlauer geworden bin. Stattdessen werde ich wie sie Tag für Tag jung und stehe vor ihr wie ein Kind. Vielleicht sah ich ihr nicht genug ins Antlitz. Noch am letzten Tag lief ich eine letzte Runde über die Berge im Alentejo, rannte zwischen Täler und Schluchten. Auf und ab. Schnell, langsamer, schneller und immer schneller. Bis ich kurz vor dem Ende gedankenverloren in meiner Eile und in meiner Hast, wieder stürzte. Welch Gnade hatte das Leben wieder walten lassen, dass ich noch so glimpflich davonkam.

Mit diesem Sturz verloschen all meine Tagträume von Fahrradtouren an die Seen und Wanderungen im Wattenmeer meiner Heimat auf einen Schlag. Was mir blieb, war das Lauschen. Das Lauschen von rauschenden, tanzenden Baumkronen der Linden, Birken, Buchen und Eichen. Ihr sattes Grün noch zu sehen. Die ersten Blättersäume am Wegesrand. Steht die Welt hier, wo sich alle, aber eigentlich niemand kennt, kurz vorm goldenen Herbst.

Der erste Atemzug noch in der Nacht am Flughafen: frischen Regen auf heißem Asphalt. Die zweiten, vierten und zehnten Atemzüge am nächsten Morgen bei mir daheim auf dem Bahnsteig in der rosaroten Morgensonne: der Duft von taufrischen Gräsern. Der Frühgesang von Spatzen und Vögeln. Die Tage haschten wie die Schmetterlinge bei uns im Garten auf den Wiesen zwischen Blumen, Sträuchern und Bäumen wie in einem Märchen und Zauber vorüber.

Mit Tränen verabschiedete ich mich zum ersten Mal vom Alentejo. Eine neue Welt, die mein Herz erobert hatte — ob der Ritter die Welt oder mein Herz war. Was liegt daran - wenn das Herz erstmal schlägt und das Licht die Welt erblickt? Es passierten noch ganz andere Wunderdinge, als dass ein Esel in jener Nacht getanzt hatte, wie Nietzsches Zarathustra ganz treffend bemerkte.

Aber mit einem Lachen, wie eh und je, begrüßte ich meine Heimat - eine Welt, in der ich das Träumen nie verlernt hatte. Ein Land, dass die Träume erzählt.

Am Ende ist es weder die Sonne, die uns wärmt, noch das Licht, das uns verblendet. Es ist einzig die Perspektive und Bereitschaft, die darüber entscheiden, wie wir uns bewegen. Es mag an uns liegen, ob wir die Schatten bewusst hinter uns fallen lassen, um den nächsten Schritt vorwärts zu wagen - oder ob wir uns starr zum Licht wenden, um zu vergessen. Tatsächlich aber müssen wir davon ausgehen, dass wir uns immer ein Stück weit selbst blenden. Denn wie könnten wir sonst vorwärtsgehen, wenn wir uns immer an alles erinnern würden? Es wäre nicht nur zu schwer, es wäre auch ein anderes Tun. Erinnern ist wie das Warten und Nichtstun eben kein nicht-Tun ist, sondern aktives, bewusstes und aufmerksames Tun. Wir können uns nicht an all unsere Schattenbilder erinnern und gleichzeitig mit voller Aufmerksamkeit nach Vorne blicken, geschweige denn dann noch vorwärtsgehen.

„Fehler“ sind nicht wieder gutzumachen. Mein aufgeschlagenes Knie vom Sturz am Abflugtag kann höchstens verheilen. Aber es wird nicht mehr „gut“ oder so wie es vorher war. Es schreibt jetzt neue Zeilen meiner Geschichte. Wer bin ich, wenn ich diese Sätze umschreibe? Habe ich dann etwas wieder gutgemacht oder die Lüge zu einer Placebo-Arznei erhoben, wie Platon es in seinem idealen Staat diskutiert, dass die Wahrheit für die Vielen wie eine Art Arznei verwendet werden sollte? Wir sollten ebenso wach darüber sein, wie Platon neben seiner Lügen-Arznei lehrt: Wer die Wahrheit spricht, der weiß, wie das Lügen geht und wer lügt, der weiß, was Wahrheit ist. Wir sind weder Unschuldslämmer und tragen eine weiße Weste noch sind wir Allwissende und Halbgötter, weil wir weiß tragen.

Das Leben besteht nicht nur aus Licht und Schatten. Es gibt nicht nur zwei Seiten einer Medaille. Es ist ein ganzer Würfel, bei dem wir nicht einmal wissen, wie viele Seiten er überhaupt hat. Das Leben entfaltet sich durch unser Verhältnis zum Prädikat - durch die Art und Weise, wie wir das, was ist, ausdrücken und erleben. Wie Heraklit lehrt: Das vollkommenstes Denken und die höchste Weisheit ist, nach dem Wesen der Dinge zu reden und zu handeln, — auf sie hinhorchend.

„Fehler“ das ist nur ein leeres Wort. Ein Platzhalter für Dinge, die passieren und nicht unseren Tagträumen entsprechen. „Fehler“ ist wie „schön“: Es wird verwendet - wie Wittgenstein sagt -, wenn uns die Worte ausgehen, wir einfältig dahe reden und es nicht aushalten können zu schweigen. „Fehler“ und „schön“ sind Ergebniswörter. Wer nur noch in Ergebnissen und Erkenntnissen spricht, der hat es verlernt zu denken, zu lieben und wirklich zu träumen. Das Land der Träume - meine Heimat - hat Denker*innen und Dichter*innen hervorgebracht, nicht weil sie in Hängematten Tagträumen hinterherhingen, sondern weil sie dem Tag nachgingen. Und trotzdem kann in Hängematten etwas auf die Beine gestellt werden.

Hier kommt der fundamentale Unterschied, der leicht miteinander verwechselt wird, wenn wir zu sehr in unserem eigenen Schatten verweilen: Das Tagträumen verliert sich in einer vereinzelten, einsamen Welt,- eine Insel im Kant´schen Meer, die nicht über sich hinausschauen kann, wenn wir meinen: Wir hätten ein Privatdenken, eins das besser sei als das der anderen. Das Denken ist uns gemein (Heraklit). Das bedeutet, dass die Wirklichkeit ein Gemeinplatz ist und keine private Hängematten-Aussicht. Wir nehmen an ihr teil, auch wenn wir in der Hängematte hinterherhängen. Wir nehmen nicht nur teil, sondern tragen unseren Teil zu ihr bei, auch wenn wir das nicht sehen können und die Zusammenhänge nicht erkennen können. Jeder Verkehrsunfall beweist das, wenn wir dem Richter erklären, dass wir geistesabwesend gewesen sein müssen oder der andere sei ganz allein Schuld, denn schließlich habe er mir die Vorfahrt genommen. Aber wo war ich? Wo warst du, als dir die Vorfahrt genommen ist oder das Kind vor dein Auto rannte? In Hängematten! Und trotzdem hast du, habe ich einen Teil zur Wirklichkeit, das, was wirklich ist und läuft, beigetragen.

Das Träumen - und nicht das Tagträumen - hingegen, das sich auf reale, konkrete Möglichkeiten richtet, steht im Angesicht und Schicksal dieser Sonne: Es verfolgt und realisiert Ziele, aber verleugnet nicht, wenn ein Rennen mit einem Sturz endete als Fehler der Umstände oder eigenen Unzulänglichkeiten. Es sieht weder "Fehler" noch "schön", sondern das, was ist: In diesem Fall ein Sturz. Dieses Träumen wendet sich bloch´sch ins Antlitz der Sonne: Es ist nicht überrascht, wenn es enttäuscht wird und die Hoffnung unerfüllt bleibt, weil es sich der Verblendung und dem höheren Berg des Unerhofften bewusst ist.


Wo liegt jetzt mein Schatten und mein Licht größer?


 
 
 

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